Donnerstag, 24. November 2016

Auf der Suche nach dem wahren Ich

Wir haben die Geschichte eines Baumes gelesen, der nicht wachsen darf, wie er will. Der gerade und aufrecht wachsen soll, nicht schräg, aber auch nicht zu hoch (das wäre dem Gärtner nicht bescheiden, nicht "gottesfürchtig" genug). Dem die Zweige entfernt werden, die der Sonne am nächsten sind.
Erst wehrt der Baum sich, wird trotzig, fängt an ihn die Breite und in verschiedene Richtungen zu wachsen, doch er wird immer wieder "zurecht gestutzt". Schließlich gibt er auf und trauert. Bis eines Tages jemand vorbei kommt, der erkennt, dass der Baum nicht genug geliebt wird und sich nicht frei entfalten darf.

Während die anderen Gänsehaut bekommen und Tränen verdrücken, sitze ich nur starr da und schaue auf den Tisch. Etwas stört mich an der Geschichte, etwas stimmt nicht.

Ich sage zum Psychologen: "Meine Mutter war keine solche Gärtnerin. Sie war eine, die den Baum heraus gerissen und auf den Kompost geworfen und stattdessen einen Rosenstrauch eingepflanzt hätte. Weil ihr der besser gefällt."

Es wird still im Zimmer. Ich rieche den Kaffee auf seinem Schreibtisch, höre das Ticken der Uhr an der Wand. Meine Hände sind unruhig, ich zerreiße den Haushaltsgummi an meinem Handgelenk und rupfe ihn wütend in kleine Stückchen.

Er lädt mich ein über das Vergangene zu trauern, aber ich kann nicht. Mein Innerstes fühlt sich starr und steif an.

Aber ich habe verstanden: Ich lebe das Leben eines anderen. Eines Rosenstrauchs, der schöne Blüten hervor bringen soll, ohne zu wissen, wie der Baum wohl geworden wäre, der dort an seiner Stelle gestanden hatte. Ich wundere mich nicht mehr, dass ich so oft gar nicht weiß, wer ich eigentlich bin.

Nur wenn ich mein eigentliches Ich lebe, werde ich herausfinden, wer dieser Baum eigentlich ist und wie er geworden wäre.

Kommentare:

  1. Muss man nicht erst wissen, WER das eigentliche Ich ist, wenn man es leben möchte?
    Es war 2003 oder 2004, da schrieb mir mal jemand, der mich eigentlich nur aus der Ferne kannte: "Du kommst mir vor wie jemand, der in eine andere Haut geschlüpft ist. Und du hast dir diese Haut so zu eigen gemacht, dass du heute selber nicht mehr weißt, was deine Haut ist und wie du wirklich bist."
    Wahrscheinlich habe ich mich damals immer noch ganz "pur und authentisch" gefunden. Aber das... bin ich genau genommen erst heute.
    Wie der Baum eigentlich geworden wäre... Diese Frage stelle ich mir oft stumm & traurig, wenn ich meinen Großen betrachte. Wenn ich den Sohn von Herrn Blau daneben sehe: beide gleichaltrig und sogar mit demselben Namen.. Der eine hat sich vollkommen gesund entwickelt, der andere war der Rosenstrauch des Vaters.. Ich weiß, dass man Vergangenes nicht ändern kann und auch keine Energie aufbringen sollte, Vergangenes ändern zu wollen. Aber ich frage mich dennoch ab und an.. Was für ein Baum wäre mein Junge geworden, würde er sich gesund entwickelt haben dürfen? Er wäre zumindest stark und gesund.. Dafür kämpfe ich jeden einzelnen verdammten Tag.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. ... Es bereitet mir auch noch Kopfzerbrechen, wie ich dem eigentlichen Ich auf die Spur kommen soll...
      Das wird wohl noch ein langer Weg.

      Ich wünsche dir viel Kraft für den weiteren Kampf ♥ eine große Aufgabe, er hat Glück, dass er dich hat ♥

      Löschen
  2. Ist es eigentlich okay, wenn ich so viel "Eigenes" dazu schreibe?
    Deine Zeilen lösen so unsagbar viel in mir aus..

    AntwortenLöschen
  3. Hm, ui .. äähhh. Da regt sich einiges in mir. Ich hab den aufgezwungenen Rosenstrauch jetzt kompostiert und hab nun als kleine Eiche wieder ziemlich von vorne angefangen ... kann dich soo gut verstehen! Das Gedeihen dauert ...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Eine Eiche ♥ ich glaub', dann bin ich ein Apfelbaum... :-)

      Löschen