Donnerstag, 17. November 2016

Unterdrückte Wut, die Pest

Psychologe: "Sie analysieren immer gleich alles durch. Das hält sie davon ab, zu fühlen."

Nein, ich darf nicht fühlen. Oft fühle ich wirklich nichts oder irgendwas Diffuses, das ich nicht benennen kann. Aber je mehr ich mit der Wut arbeite, desto stärker versucht sie sich, ihre Bahn nach außen zu brechen. Und diese Wut ist sehr stark. Sie ist unmöglich. Sie darf nicht raus...

Aber er lässt nicht locker. Nur durch die Gefühle hindurch kann es besser werden. Entscheide ich mich zur Flucht, werde ich nicht weiter kommen. Dieser Gedanke frisst in meinem Inneren, frisst an mir. Spüre ich da gerade etwa, dass ich eine Wahl habe?

Angst.
Was passiert, wenn sie nach draußen kommt? Ich kann vor ihr flüchten, sie runter schlucken. Aber da hört es schon auf. Lasse ich sie los, habe ich keine Kontrolle mehr. Keine Kontrolle mehr über das Unaussprechliche... Zumindest denke, fühle ich das.

Wut.
Wir sitzen in der Gruppenrunde. Jeder soll darstellen, was gerade in ihm vorgeht. Pantomimisch, ohne etwas zu sagen. Als ich dran bin, stelle ich mich abseits und halte mir die Ohren zu, schüttle imaginär den Psychologen ab, der auf mich einredet. Nein, nein, es darf nicht, es darf nicht sein.

Und dann entscheide ich mich doch. Fuer's Weiterkommen. Ich lasse sie raus.
Raus oder rein. Schwarz und Weiß.

Was habe ich in meiner Verzweiflung denn schon noch zu verlieren? Gedanklich stehe ich eh am Abgrund.

Scham.
Ich habe nur noch Rot gesehen. Habe mit einer plötzlich unglaublichen Kraft die Deko vom Tisch geschlagen, so dass sie durch den ganzen Raum spritzte. Habe den Stuhl auf den Boden getrümmert, wollte ihn vernichten, ihm die Beine ausreißen. Alles, was ich in die Finger bekam, flog durch die Gegend.
P. kreischt: "Du kannst doch nicht....!!"- ihre Stimme ist weit weg, irgendwo seitlich von mir, weggedrängt von einer roten Wutwolke. "Es ist ok", sagt jemand. Zu ihr. Selbst wenn jemand gesagt hätte, es ist nicht okay, ich hätte weiter gemacht. Sie ist draußen. Ich hab' sie losgelassen. Und jetzt wütet sie vor sich hin, tanzt einen mächtig lauten Tanz, rast, vernichtet.

Dann ist es vorbei. Ich halte inne, sehe was ich getan habe. Schlage mir die Hände vor´s Gesicht und trete rückwärts. Scham, unglaubliche Scham. Und ein Gefühl, dass gleich etwas passieren wird. Das die Hände meiner Mutter sich um meinen Hals schließen und mich würgen werden. Ich durfte als Kind nicht wütend sein, hatte zu funktionieren, wie sie es wollte.
Ich taumle und zittere. Und dann sagt die Psychologin: "Toll, das war toll. Gibt es noch eine Steigerung von toll? Das war supertoll."

Und meine Welt dreht sich auf links.


Ich zittere am ganzen Körper. Ich bekomme Zuspruch. "Das war toll, das war mutig...", "ich wünschte, ich könnte das auch", "das hast du stellvertretend für uns alle gemacht."
Es geht in die Pause, und plötzlich sind da überall Hände, die helfen. Jemand stellt den Stuhl wieder auf, jemand sammelt die Stifte wieder ein, hängt meinen Schal auf, und so fort. Manches hat Schäden oder Risse davon getragen, ist gesprungen oder knirscht.

Psychologin: "Die Wut hat eine Funktion, sie ist wichtig, dafür müssen Sie sich nicht schämen."

Das befuerchtete Donnerwetter bleibt aus. Bis auf P., aber die meckert eh immer.

Ich lerne: An dem "Wie", wie ich die Wut rauslasse, kann ich noch schrauben, Extreme seien nie gut (ha ha, mein Stichwort). Aber es ist nicht gut, ihre Existenz zu verdrängen oder sich für sie zu schämen, und sei sie auch noch so groß...

Meine Mutter ist wieder da. Wie ein Film laufen Bilder vor meinem inneren Auge ab. Brauche wohl morgen noch mal ein Gespräch.

Das Wichtigste hätte ich fast vergessen- die Erleichterung, die sich danach eingestellt hat. Es wurde leichter. Eine Last weniger. Ein Päckchen geschluckte Wut weniger.

Poah, ist das anstrengend...

Durchatmen...



... Jetzt brauch' ich erst mal 'ne Tüte Gummibärchen. Ächz.

Kommentare:

  1. Gratuliere von ganzem Herzen für den Mut zur Wut.
    Und ja, es ist furchtbar anstrengend und dafür genauso befreiend.
    Und die Welt dreht sich weiter und es wird noch ein harter Weg sein, aber dieser Weg ist der eigene Weg in ein freies Leben und Fühlen.
    Ich wünsche ihnen ganz viel Kraft für immer weniger Angst vor sich selbst. Und weiter so viel Mut, piepewurscht was andere sagen. Gut nach sich selber schauen und sich geben, was frau braucht.
    Heute denke ich an Sie und feiere ihren Durchbruch. Ganz wunderbar haben sie das gemacht. Klasse
    Liebe Grüße Bettina

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    1. Wow... Vielen Dank für die tolle Rückmeldung Bettina ♥

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